Montag, 28. März 2016

Hendrik Berg: Lügengrab

Kommissar Krumme ist urlaubsreif und verreist auf die Hallig Hooge für zwei Wochen. Alle wundern sich, dass er gerade so eine kleine Insel auswählt, er aber wünscht sich nichts als Ruhe. Schon auf der Überfahrt lernt er Swantje kennen, die nach drei Jahren ihre Heimat das erste Mal besuchen möchte. Sie wurde damals kurz vor der Hochzeit von ihrem Bräutigam Marc sitzen gelassen. So ganz kann sie das nach wie vor nicht glauben, weil er ohne ein Wort verschwand und alle ihre Freunde ihn zuletzt sahen, aber nicht so recht mit der Wahrheit rausrücken. Es kommt fast, wie vermutet, Kommissar Krumme hat keinen ruhigen Urlaub, sondern wird immer mehr in die Geschichte von damals hereingezogen und sein Gefühl sagt auch ihm, dass etwas mit dem Verschwinden von Marc nicht stimmt. 
Der Kriminalroman ist lange eher eine Geschichte über den Urlaub des Kommissars, eine Beschreibung der Einwohner der Hallig und zu guter Letzt eine ausführliche Beschreibung von der Nordseeinsel und dem Wattenmeer. Erst langsam nimmt die Geschichte Fahrtauf. Unterbrochen wird das ganze immer mal wieder von kleinen anonym beschriebenen Morden, die dem Leser erahnen lassen, dass auf der Insel ein Ungeheuerzu wohnen scheint. Man beginnt mit dem Verdächtigen aller, kann sich aber kaum einen Reim wirklich darauf machen. Zum Showdown wird es dann richtig dramatisch und spannend, die Auflösung hat mir persönlich sehr gut gefallen und war definitiv anders, als erwartet. So sollte ein Kriminalroman sein! Wer zudem noch Lokalkolorit schätzt - in dem Fall Nordsee-Insel - dem ist dieser Roman sehr zu empfehlen.

Alyson Richman:Der italienische Garten

Ein Roman für Zwischendurch und für kleine Romantiker - "Der italienische Garten"von Alyson Richman. Der Roman spielt in Italien im Jahr 1943, welches geprägt ist von Besetzung, Verfolgung und Widerstandskampf. Die junge Frau Elodie hat ein hervorragendes Gedächtnis und ein Talent zum Cello spielen. Beides nutzt sie zum Widerstandskampf, nachdem ihr Vater an den Folgen einer Folter verstirbt. In Folge mehrere Ereignisse muss sie aber fliehen und kommt in das kleine Dörfchen Portofino, wo sie Angelo bei sich aufnimmt. Nicht nur Elodie, sondern auch der Arzt Angelo haben eine geheimnisvolle Geschichte, die beide sich erst nach und nach eröffnen.
Der Roman lässt sich flüssig lesen und  hat einen schönen Spannungsbogen, da man bei beiden Geschichten - der Lebensgeschichte von Elodie und der Geschichte von Angelo - den Ausgang wissen möchte. Die Autorin versteht es, zwischen Gegenwart und Rückblenden sowie zwischen den beiden Handlungsträngen hin und her zu wechseln, ohne das man den Faden verliert. Alles fügt sich sehr harmonisch zusammen und den Leser berührt vor allem die vielen verschiedenen Formen der Liebe. Dabei spielt die Geschichte zu Zeiten des 2. Weltkrieges, welcher mit allen Schrecken bildhaft und gut recherchiert beschrieben wird. Trotzdem sehe ich in dem Buch mehr einen Liebesroman als einen historischen Roman. Die Geschichte ist harmonisch und - ich spoilere jetzt ein wenig- es gibt ein Happy End. Mit gerade diesem habe ich mich etwas schwer getan, da die Ereignisse in relativ kurzer Zeit erfolgen. Mit einer etwas größeren Zeitspanne, wäre es für mich nachvollziehbarer. Aber nichts desto trotz, ist es ein schöner Roman zum Mitfiebern und zum "Nicht-aus-der-Hand-legen".

Dienstag, 8. März 2016

Jessie Burton: Die Magie der kleinen Dinge

Kennt ihr das, wenn man möchte, dass ein Buch nicht endet, man es aber trotzdem rasend schnell liest? Genau das ist mir mit Jessie Burtons Roman "Die Magie der kleinen Dinge" geschehen. Die Geschichte spielt 1686 in Amsterdam. Die junge Frau Pertonella wird mit dem älteren Handelsmann Johannes Brandt verheiratet. Sie entkommt damit der Armut ihrer Familie und hofft auf ein schönes Leben mit Ehemann und Kindern. Als sie zu ihrem neuen Zuhause kommt, wird sie sehr kalt begrüßt von der Schwester ihres Mannes. Sie gibt ihr das Gefühl, unerwünscht zu sein. Im Haus leben noch das Hausmädchen Cornelia und der Diener Otto. Ihr Ehemann glänzt mit Abwesenheit und wenn er daheim ist, lässt er Nella links liegen. Sie versteht die Welt nicht und bekommt, um bei Laune gehalten zu werden, ein Puppenhaus von ihm geschenkt. Dieses ist zunächst leer, aber schon bald erhält sie mysteriöse Sendungen mit Möbeln und Puppen von einer Miniaturistin zugesandt, die scheinbar die Zukunft voraussagen und auf ein Familiengeheimnis hindeuten.
Nella war mir von Anfang an sympatisch und ich habe mit ihr gelitten, als ihr die Kälte im Hause Brandt entgegenschlug und als das Geheimnis Johannes entlüftet wird, stockte auch mir der Atem. Die Geschichte entführt einen in das Amsterdam der Gilden und erzählt eine Geschichte voll Doppelmoral und der Macht des Geldes. Lange Zeit kann sich die Familie Brandt das Schweigen erkaufen und die Feinde in Schach halten. Bis eines Tages die Stimmung kippt und die Familie samt Nella mit in den Abgrund zu ziehen droht. Der Roman ist flüssig und spannend erzählt. Es gibt überraschende Wendungen und Enthüllungen, die Geschichte fesselt einen.
Für mich ein absolut großartiger Roman, der einen berührt und den man kaum aus den Händen legen kann. Eine sehr schöne Geschichte mit viel Gefühl, aber nur wenig Kitsch.

Andreas Pflüger: Endgültig

Im Mittelpunkt von Andreas Pflügers Roman "Endgültig" steht die Ermittlerin Jenny Aaaron. Sie wurde bei einem Undercover-Einsatz in Barcelona so verletzt, dass sie ihr Augenlicht verloren hat. Zudem erinnert sie sich auch nur noch bruchstückenhaft daran, was geschehen ist. Fünf Jahre später wird sie von ihrer ehemaligen Einheit  - einer international agierenden Eliteinheit der Polizei, ähnlich dem SEK - angefordert, bei einem aktuellen Fall zu helfen. Schnell stellt sich heraus, hier geht es um Jenny Aaron persönlich. Für sie beginnt eine Reise in die Vergangenheit - Stück für Stück kommt heraus, was damals in Barcelona geschah und wer hinter all den Taten steckt.
Mehr wird von mir nicht verraten - das wäre auch kaum möglich, da es sehr viele Nebendetails, Geschichten aus der Kindheit, der Familie und Freunde gibt. Die ganze Polizeitruppe von damals und heute wird unterschiedlich intensiv dargestellt. Die eingeschworene Gemeinschaft, bei der jeder für den anderen bis zum Tod einsteht, steht komplett hinter Jenny. Alle wollen ihr helfen und sie retten.
Interessant am Roman ist die Darstellung der Jenny Aaaron als blinde Ermittlerin. Hier zeigt sich, dass der Autor sehr intentsiv recherchiert hat. Es wird glaubhaft und wirklich interessant erklärt, wie Jenny sich trotz Blindheit orientieren kann. Das sie dabei sogar mehr hört & sieht (spürt) als sehende Kollegen und damit sehr nützlich bei der Aufklärung ist, wirkt zwar zunächst übertrieben, aber durchaus vorstellbar.
Die ganze Geschichte selbst war für meinen Geschmack etwas zu lang. Es gab mehrfach Momente, wo ich dachte, dass es jetzt gleich zum Finale kommt und dann ging es doch noch in eine nächste Runde. Ich habe mich daher etwas schwer mit dem Durchhalten getan, aber die Frage nach dem Motiv all der Taten und letztlich der Frage, was damals in Barcelona geschah, hat mich ausreichend gefesselt bis zum Ende. Der Roman ist definitiv nichts fürs nebenbei Lesen, da doch sehr viele Dinge geschehen und man bei vielen weiß man auch nicht, ob diese nochmal wichtig werden und sollte sie daher im Hinterkopf behalten. Es gibt sehr, sehr viele Tote - vor allem viele (fast) unnötige Opfer. Der Täter mordet quasi sich den Weg frei und dies ist schon recht brutal. Um die Härte des Täters und der Polizeitruppe zu unterstreichen, wird intensiv über Waffen und Schußtechnik philosophiert. Hier kann man erstaunliche Details lernen.
Alles im allem ein spannender Thriller mit Einblick in das Leben von Blinden und des Zusammenhalts in einer Spezialeinheit der Polizei. Der Schreibstil ist nichts für nebenbei, man muß konzentriert bleiben um die Geschichte zu verfolgen und die vielen Verstrickungen zu verstehen.
Für anspruchsvolle Leser auf der Suche nach einem spannenden Psychoduell auf jeden Fall eine Empfehlung (zur reinen Entspannung eher nicht zu empfehlen.)
Für alle Neugierigen - geht es hier zum Buch

Dienstag, 1. März 2016

Eve Chase: Black Rabbit Hall

Eve Chase Erstlingswerk ist ein seichter Schmöcker für verregnete Sonntage und vor allem für Liebhaber von alten englischen Herrenhäusern und deren Geheimnisse.
Die Geschichte spielt in zwei verschiedenen Zeitebenen, welche sich abwechseln. Die Familiengeschichte der Altons spielt im Wesentlichen 1968/69 während die Geschichte von Lorna und ihrem Verlobten Jon in der Gegenwart spielt. Die Altons leben eigentlich in London und kommen nur während der Ferien nach Pencraw -genannt Black Rabbit Hall. Dort verleben sie eine unbeschwerte und teilweise auch unkonventionelle Zeit. Eines Tages jedoch geschieht ein Unglück und vor allem Amber, die älteste Tochter, ist ab da diejenige, die die Familie und deren Zusammenhalt erhält. 
Parallel erfährt der Leser von Lorna, die auf der Suche nach einer Hochzeitslocation ist. In ihrer Erinnerung sieht sie sich mit ihrer Mutter vor den Toren von Black Rabbit Hall stehen. Sie fragt sich, was dran ist an ihrer Erinnerung und warum wird sie so magisch vom Haus angezogen. Schritt für Schritt eröffnet sich nicht nur ihre Geschichte sondern auch die der Familie Alton.
Die beiden Geschichten laufen lange parallel und das Verbindungsstück wird eigentlich in nur einem einzigen Gespräch über wenige Seiten aufgelöst. Insofern ist die Aufdeckung des Geheimnisses fast nebensächlich. In diesem Buch dominiert ganz klar die ältere Geschichte und diese nimmt den Leser mehr in den Bann. Die Gegenwartsgeschichte kam mir nur wie schmückendes Beiwerk vor und Lorna blieb mir leider auch sehr viel fremder als alle Mitglieder der Alton Familie.
Eve Chase macht die Landschafts Cornwalls fühlbar durch die Darstellung vom Wetter - es regnet verdammt oft - und der Beschreibungen vom Strand, Uferklippen und dichten Wald am Haus. Das Herrenhaus selbst wird ausführlich erklärt und man könnte quasi durch die Räume mitlaufen. Viele Details sind der Autorin dabei wichtig zu erwähnen, manche lassen die Geschehnisse lebhafter wirken (und grausamer), andere sind eher Füllstoff. Ein wenig kam der Eindruck daher, dass erst fest stand ein Buch über ein Herrenhaus zu schreiben und die Familiengeschichte um dieses herum aufgebaut wurde. Es fehlen die ganz großen neuen Ideen und das gewisse Etwas, was ein Buch zum "Nicht aus die Hand legbar" macht.
Man darf keine allzu großen überraschenden Wendungen erwarten und kein großen Spannungsbogen. Es ist eine solide erzählte Familiengeschichte mit überschaubaren, manches mal klischeehaften  Charakteren, die leicht und flüssig zu lesen ist. Eine nette Unterhaltung für verregnete Tage und für Fans von Cornwall & Geschichten über englische Herrschafthäuser auf jeden Fall zu empfehlen.
Erwähnen möchte ich aber zu guter Schluß noch die tolle Haptik. Die Buchhülle ist leicht transparent und mit einem tollen Titeldesign bedruckt, das Buch selbst ohne Umschlag hat das mögliche Herrenhaus samt Garten als Motiv. Für alle, die sich die Zeit mit einer leichten, englischen Familiensaga versüßen möchten, geht es Hier zum Buch


Mittwoch, 24. Februar 2016

Arno Strobel: Die Flut

Während des Lesens mache ich mir manchmal Notizen über das Buch und nehme diese dann gern her zum Schreiben einer Rezension. Bei Arno Strobels "Die Flut" stand auf dem Zettel mehrfach ein und dasselbe Wort: spannend. Das ist dieses Buch auf jeden Fall und ich habe es kaum aus der Hand legen können.
Auf der Insel Amrum machen Julia und Michael gemeinsam Urlaub mit Michaels Arbeitskollegen Andreas und dessen Frau Martina. Andreas hat ein geerbtes Haus auf Amrum und möchte die Ferien nicht alleine mit seiner Frau verbringen. Warum das so ist, wird schnell klar und auch konsequent durch den ganzen Roman fortgeführt: Martina ist eine sarkastische, vom Leben mit Andreas genervte Ehefrau, die permanent meckert. Selbst als Leser ist man irgendwann von der Meckerei bedient und kann v.a. Julia verstehen, die ihr immer mehr aus dem Weg geht. 
Mitten im Urlaub geschehen auf einmal Morde an Pärchen auf bestialische Art und Weise. Die Frau wird am Strand bei Ebbe eingegraben, der Mann daneben gefesselt. Bei Flut ertrinkt die Frau langsam und der Mann muss hilflos dabei zusehen. Die Morde steigern sich - eine logische Konsequenz.
Die ermittelden Polizisten bieten alle Klischees auf, die zu finden waren: böser Bulle, guter Bulle, dorftrotteliger Polizist und der Hilfssheriff. Trotzdem macht es Spaß, den Ermittlern über die Schulter zu schauen und mitzurätseln.
Die Spannungen und Ängste auf der Insel und zwischen den beiden Paaren werden glaubhaft beschrieben. Der Stress, den ein freilaufender Mörder erzeugt, ist quasi spürbar. Die vielen möglichen Verdächtigen machen es dem Leser schwer, auf die richtige Lösung zukommen. Ich habe immer wieder zwischen den Verdächtigen gewechselt, alle scheinen möglich zu sein.
Kleine Schwachpunkte gibt es allerdings ebenso. Die Darstellung der Julia hat mich zusehends genervt. Zum einen ist sie so toll/schön, dass alle sie begehren und anstarren. Das erscheint mir doch etwas übertrieben. Und zum anderen erfolgt als Reaktion auf Konflikte immer wieder dasselbe - sie rennt schreiend auf die Dünen heraus. Dies ist einfach anstrengend und teilweise so unnötig. 
Wer einen Roman mit Lokalkolorit erwartet, ist hier leider nicht gut bedient. Die Insel ist als Schauplatz austauschbar und könnte jede Insel an der Nordsee sein. Typische Dinge wie lokaler Dialekt oder Traditionen sind Fehlanzeige, lokale Spezialitäten kommen am Rande vor, haben aber keinen direkten Einfluss auf die Handlung.
Das Ende des Thrillers kommt recht plötzlich und kurz, aber unerwartet und gibt daher einen schönen Abschluss. Für mich ist das Buch absolut zurecht auf den Bestsellerlisten und auf jeden Fall eine Empfehlung wert!

Andrea Sawatzki: Der Blick fremder Augen

Kein Kriminalroman im klassischen Sinne, eher ein Roman über die Psyche eines Mörders gespickt mit Ermittlungen einer Komissarin ist das neue Buch von Andrea Sawatzki "Der Blick fremder Augen". Die Komissarin Melanie Fallersleben wird mit mehreren Tötungen konfrontiert und schnell wird klar, dass es sich hierbei um einen Rachefeldzug handelt. Für den Leser wird der Täter schon früh offenbart und die Jagd - besser gesagt der Wunsch diesen Aufzuhalten - steht im Mittelpunkt. 
Beschrieben wird die Geschichte aus vielen verschiedenen Perspektiven. Hierbei werden einzelne Charaktere und Erlebnisse wiedergegeben, was aber fast nur stichpunktartig erfolgt. Ein großes, gesamtes Bild lässt sich nur von der Hauptfigur, dem Täter bilden. Und hier ist auch das erschreckenste Bild - jahrelanger Missbrauch als Kind in verschiedenen Formen prägen das Leben des Täters. Andrea Sawatzki versteht es trotz ihrer nüchternen, kurzen Sätze das Grauen für den Leser erlebbar zu machen. Man leidet mit und man rächt mit.  
Die Komissarin ist persönlich involviert und wird vom Täter mit einbezogen. Ich bin immer kein großer Fan von solchen Zufällen, aber es wird hier logisch und zurückhaltend angelegt, so dass es erträglich ist.

Spannend ist das Buch trotz der frühen Klarheit des Täters, da man wissen möchte, wie der Stop erfolgen wird und wer noch alles Opfer werden wird. Das naheliegenste Opfer trifft es dabei erst recht spät - man ist fast versucht zu sagen: Typisch, den Verursacher trifft es nicht (oder wie hier spät). 

Ich habe das Buch recht schnell gelesen, da die Kapitel sehr kurz gehalten sind, die Perspektiven schnell wechseln und der Schreibstil sehr prägnant ist. Ich kann diesen Roman empfehlen, wenn man gern etwas über die psychischen Hintergründe von Morden erfährt und weniger über das Fangen des Täters.